| „Fäägmeel“
bringt achte CD heraus |
|

|
Von Holger Sauer
WETTENBERG/LAHNAU. Sie haben sich Zeit gelassen. Haben mehrere Anläufe
genommen. Jetzt steht das Werk. Und es steht in guter Tradition. In guter
„Fäägmeel“-Tradition. Und dennoch: Die Mundart-Lieder in
mittelhessischem Dialekt – sie klingen diesmal anders, technisch
ausgefeilter, bergen auch die eine oder andere musikalische Überraschung.
„Noochbersch Gockel“ heißt der neue und zugleich achte Tonträger der
heimischen Mundart-Folk-Formation „Fäägmeel“, dem mit Abstand
erfolgreichsten und bekanntesten Vertreter dieses eigenen, besonderen
Genres im hiesigen Raum. Die große Fangemeinde im Land an Lahn und Dill
– sie muss sich aber noch ein paar Tage gedulden: Erst nach dem 1.Advent
soll die CD auf dem Markt sein.
Der letzte Silberling aus dem Tonstudio kam vor vier Jahren heraus. Und
zwischen „Herbstbloihe“, so der damalige Titel, und der neuesten CD
brachten die drei „Fäägmeeler“ Walter Krombach, Berthold Schäfer
und Siegward Roth vor einem Jahr den Live-Mittschnitt „Bühneschouh“
von einem Konzert in Lohra unters Volk. Fast zwei Jahre haben die Musiker
und Sänger an der neuen CD gearbeitet, allerdings mit einigen, längeren
Unterbrechungen durchsetzt. Mitte 2000 „haben wir angefangen und wieder
alles verworfen“, erzählt Walter Krombach. Kurz vor Sommer diesen
Jahres dann ging’s endlich an die intensive Arbeit im Tonstudio
Keselbach in Grünberg-Lumda, dort, wo alle „Fäägmeel“-Tonträger
aufgenommen und abgemischt worden sind.
Und was ist heraus gekommen? 20 Titel, die sich allesamt hören lassen können.
Viel Neues bietet die CD, aber auch Lieder, die der Fangemeinde schon seit
längerem wohlbekannt sind. So etwa der Titelsong „Noochbersch
Gockel“. Der Text stammt noch aus der Zeit „wäi mer ogefange hu“,
so Walter Krombach. Ja, das ist noch „eh ganz aalt Geschicht’“,
pflichtet ihm Texter Siegward Roth zu. 1986 hatte sie ihren Ursprung
genommen, die Geschichte von Nachbars Hahn, bei dem es ja eigentlich nicht
um das männliche, dominante Federvieh geht, der gerne allen Hennen
hinterhersteigt, sondern um einen im Grunde „völlig sympathischen,
angenehmen Menschen“ (so Siegward Roth), dem eben nichts Weltliches
fremd ist, dem „Gockel“, dem „Simpel“, dem „aale Schooude“.
Freilich: Das merkt nur derjenige, der es versteht , auch richtig zwischen
den Zeilen zu hören. Einmal mehr gehen die „Fäägmeeler“
selbstbewusst und mit viel Lust mit ihrem (und unserem) mittelhessischen
Dialekt um, betonen aufs Neue den unersetzlichen Wert des „Platt“. Sie
verfolgen stetig ihr Trachten, dem Mundart sprechenden Mittelhessen nicht
als bedauernswerten Menschen da stehen zu lassen. Roth: „Wenn Texaner
oder Italiener das ,R’ rollen – ,Corriere de la sierra’, wie das
schon klingt –, dann finden das alle normal. Nur der Mittelhesse, der
das Dialekt als Mutterspache aufgenommen hat, wird plötzlich damit
konfrontiert, dass ein Teil seines Lebens lächerlich gemacht wird, wenn
er platt spricht.“ Und dabei ist gerade das Platt um einiges mehr als
das gestochene Hochdeutsch dazu angetan, Gefühle, Stimmungen und
besondere Beschreibungen – wie beispielsweise die des „Schooude“ –
trefflich zu beschreiben.
Doch zurück zum „Gockel“. Das Lied war einige Jahre nicht zu hören.
Jetzt lebt es wieder auf, neu komponiert von Walter Krombach und Berthold
Schäfer. Ähnlich lief es mit den beiden Blues-Songs „Walter un...“
„Waltraud“, zwei Geschichten , die die unterschiedliche Sicht- und
Verhaltensweise von Frauen und Männern beschreiben. Neu dagegen sind
Titel wie etwa „Opa“ oder „Weirerlaafe“.
Richtig gut anzuhören ist „Küssche häi, Küssche do“, mit dem das
ganze oberflächliche Gehabe so mancher Zeitgenossen gemeint ist. Und
einmal mehr versteht es Siegward Roth, aus dessen Feder wie gehabt sämtliche
Texte stammen, trefflich zu beschreiben, worauf es im Leben wirklich
ankommen soll: „Bleib , was du bist“ (…), „Hör auf das, was in
dir drin ist“ (…), „Nimm dein Leben in die Hand“.
Keine Frage, es lohnt sich in die „Gockel“-CD hineinzuhören, egal ob
es ums „Surfe“ auf dem Heuchelheimer Baggersee geht, um „Menschegleck“
oder um den „Rerrer-Kerre-Bulldog“ (soll auch rückwärts ganz gut
klingen) handelt.
Nach dem krankheitsbedingten Ausfall von Siegward Roth mussten in diesem
Jahr einige „Fäägmeel“-Konzerte ausfallen. Im kommenden Jahr
erwartet die Fangemeinde aber wieder „das volle Programm“ mit rund
einem Dutzend Auftritte. Aber: Es wird das letzte Mal sein, dass man die
Musiker und Sänger praktisch einmal im Monat im mittelhessischen Raum
live erleben kann. Für das übernächste Jahr kündigte Siegward Roth
(50) bereits an, dass es nur noch sechs Konzerte geben wird. Und er lässt
in einem Atemzug anklingen, dass sich die Drei bereits ernsthaft Gedanken
über das Ende von „Fäägmeel“ gemacht haben. „Wir werden alle älter,
da liegt vieles dran…“
|
|